11-M: Legenden und Wahrheit

von Dirk Baranek am 12. April 2007

Der 11. März 2004 war ein Schock für Spanien. Die zeitgleich ausgeführten Bombenanschläge der islamistischen Terroristen auf Madrider Regionalzüge hatten 119 Tote und mehrere Hundert Verletzte zur Folge. So etwas hatte man selbst im regelmäßig durch Attentate der baskischen ETA-Separatisten aufgewühlten Spanien noch nicht erlebt.

Inzwischen werden die Anschläge des 11-M in einem seit Wochen andauernden Mammutprozess auch juristisch aufgearbeitet. Dabei geht es nicht nur um die noch lebenden Mitglieder und Unterstützer der islamistischen Zelle, deren Kern hatte sich der drohenden Verhaftung zwei Monate später durch Selbstmord entzogen, sondern auch um mögliche Verbindungen der Islamisten zu ETA. Es kristallisiert sich allerdings immer mehr heraus: Diese Verbindungen gab es nicht.

Diese Feststellung hat Brisanz. Sie zerstört Legenden, die vor allem von Politikern der konservativen Volkspartei PP vorgetragen werden. Die Ursache für die Legenden ist politisch. Es geht um Macht.

Die Anschläge fanden 2004 drei Tage vor den Parlamentswahlen statt, bei der eigentlich die Konservativen ganz gute Chancen hatten. In den Stunden nach den Anschlägen begingen allerdings der Ex-Premier Aznar und sein damaliger Innenminister Acebes den Fehler, die Anschläge auf das Konto von ETA zu buchen. Und dies geschah, wie sich in den letzten Tagen herausstellte, in dem Wissen, dass die Polizei ganz andere Indizien hatte. Vor allem die Art des Sprengstoffes spielt hier ein große Rolle, weil sich relativ schnell herausfinden lässt, welches Material zur Explosion gebracht wurde. Die Polizei ging schon wenige Stunden nach dem Anschlag davon aus, dass es sich nicht um Material handelte, dass von ETA normalerweise verwendet wird.

Drei Tage nach der Katastrophe in den Madrider Zügen wurden die inzwischen völlig verunsicherten Wähler an die Urnen gerufen und wählten die PP ab und die PSOE zur stärksten Fraktion im Kongress. Und jetzt entstand die Legende, die von der PP bis in diese Tage gegen die Zapatero-Regierung verwendet wird. Kernthese: Ihr Wahlsieg sei einzig und allein auf das Konto der Islamisten gegangen, deren Logik durch den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak, den Zapatero gleich nach dem Wahlsieg ankündigte und binnen Jahresfrist abgeschlossen wurde, ihre Vollendung erfahren habe.

Durch die in den letzten Tagen durch Zeugenaussagen leitender Polizeibeamter öffentlich gewordenen Tatsachen hat sich diese Legende allerdings pulverisiert. Es wurde bewiesen, dass die damalige PP-Regierung die ETA-Karte aus reinem Machtkalkül spielte und die Bevölkerung bewusst getäuscht hat.

Schon am Wahltermin hatte sich das abgezeichnet und führte zu den massiven Verlusten der PP. Die hatte dies allerdings immer abgestritten und eine ETA-Beteiligung herbeigeredet. Bis heute. Das Eingeständnis, bewusst gelogen zu haben, um die Wahlen damals doch noch zu gewinnen, kann und will ihnen nicht über die Lippen gehen.

Quellen: El País, d’Minorías, ABC,