Infrastrukturen in Katalonien total überlastet

von Dirk Baranek am 7. August 2007

Katalonien ist die Region in Spanien, die sich zugute hält, die Modernität auf der Iberischen Halbinsel zu verkörpern. Während der Süden Spaniens halb ernst eher Afrika zugerechnet wird, schaut man selbst nach Nordosten, da wo Länder wie Frankreich und Italien als zivilisatorische Vorbilder dienen. Daher muss es den Katalanen jetzt sehr übel aufstoßen, dass sich ausgerechnet bei ihnen in den letzten Wochen erhebliche Probleme bei den öffentlichen Infrastrukturen offenbaren, die das Land ins Chaos zu stürzen drohen.

Überlastete Infrastrukturen kollabieren

Ein riesiger Stromausfall vor zwei Wochen, der fast ganz Barcelona für zwei Tage lahmlegte und bis heute teilweise andauert, war erst der Anfang. Am Wochenende mussten die Peaje-Stationen in Tarragona an der Autobahn gen Norden vörübergehend geöffnet werden. 75 Kilometer lang war der Stau, der sich gebildet hatte und tausende Autolenker für Stunden festhielt. das war aber noch nicht alles, denn auch der Bahnverkehr scheint kurz vor dem Kollaps zu stehen. Mehrmals mussten Züge vor den Stationen anhalten und die Fahrgäste mussten zu Fuß weiterreisen. Skandalös war das Vorgehen der Behörden bei der Station Sants, als die Passagiere zwei Stunden bei brütender Hitze in den nicht klimatisierbaren Zügen aus Sicherheitsgründen, wie später mittgeteilt wurde, ausharren mussten. Zudem kommt es besonders auf den Strecken zum Flughafen El Prat bei Barcelona immer wieder zu Ausfällen, was nicht wenige Reisende in Panik versetzte.

Auch der Flughafen selbst ist total überlastet. Ausgelegt auf das Aufkommen während der Olympiade 1992 müssen inzwischen in den Anlagen um ein Vielfaches gestiegene Passagierzahlen bewältigt werden. Allein von 2000 bis 2006 stieg die Zahl der abgefertigten Fluggäste von 19 Millionen auf 30 Millionen. In den letzten Tagen kam es immer wieder zu langen Schlangen an den Abfertigungsschaltern und zu Ausfällen bei den Transportbändern für das Gepäck. Die Folge waren teilweise verzögerte Abflüge, was das Chaos nur noch weiter verschärfte. Der Ausbau der Anlagen ist erst 2009 abgeschlossen und bis dahin muss man sich wohl in Geduld üben.

PSOE hat ein Problem

All diese Vorgänge beunruhigen die Katalanen, kratzen sie doch am Selbstbild der modernsten Region auf der Halbinsel. Politisch sind die in Koalition mit den liberalen Nationalisten regierenden Sozialisten und die Madrider Zentrale natürlich ein beliebter Sündenbock. Die linksradikalen Nationalisten sehen wie immer das einzige Heil in der Unabhängigkeit. Die PSOE selbst verweist auf die konservative Vorgängerregierung, die viel zu spät auf die neuen Herausforderungen reagiert habe, die sich aus dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahre ergeben. Allerdings stärkt diese Argumentation wiederum die zentralistische Perspektive: Nur Madrid kanns lösen. Das alles wird die Wähler nur wenig beeindrucken und könnte sich für die regierenden Sozialisten noch als Belastung erweisen, denn bisher war Katalonien für sie eine sichere Bank. Eine Million mehr Stimmen als die Konservativen hat man hier bisher geholt. Darauf kann Zapatero bei der Wahl 2008 nicht verzichten. Die Zwickmühle dabei: Bis dahin werden sich die katalanischen Probleme naturgemäß nicht lösen lassen.

Quelle: El País

Nachtrag (08.08.2007): Auch gestern gab es wieder Zugausfälle und Strompannen, wie die katalanische Tageszeitung La Vanguardia berichtet..