„Campeooones, olé! ¡Campeooones, olé!“ – Ein Live-Bericht aus Stuttgart

von Dirk Baranek am 30. Juni 2008

Gestern waren wir als Lokalreporter für die Stuttgarter Zeitung unterwegs. Hier der Artikel über spanische Fans im Fußballfieber während des Finale.

Das Spiel ihrer Mannschaft haben die Stuttgarter Spanier unter anderem in einem Billard-Café am Wilhelmplatz verfolgt. Nach dem Schlusspfiff war der Jubel riesig. 

„Pasar de Cuartos“ – so lautet der Titel einer der meistgespielten Fanhymnen in Spanien zurzeit. Übersetzen lässt sich das mit „Das Viertelfinale überstehen“ und sagt alles über das tiefsitzende Trauma des spanischen Fußballs, zwar über erfolgreiche Vereinsmannschaften zu verfügen, aber es in den wichtigen Turnieren der letzten Jahrzehnte nie ins Halbfinale geschafft zu haben. Jetzt stehen die Roten sogar im Finale, das Trauma ist überwunden.

„Wir feiern diese Mannschaft, egal wie es ausgeht“, sagt David Blanco del Rio deshalb vor Beginn des Spieles. Der 26-jährige ist in Stuttgart geboren und hier aufgewachsen. Seine Familie kam in den Siebzigern aus Kastilien und hat ihre Wurzeln nie aufgegeben, aber sich hier bestens angepasst. „Meine Freunde nennen mich auch ‚Schwabianier‘,“ sagt Blanco, der zusammen mit seinem älteren Bruder Inhaber des 7up, eines weitläufigen Billardcafés in der Wilhelmstraße ist. Hier wurden in der Vergangenheit schon diverse Fußballpartys gefeiert, auch der Meistertitel des VfB.

spanier-em.jpgVor dem Spiel herrscht aufgeräumte Stimmung bei den etwa 400 Fans jeden Alters, die hoffen, live Zeuge eines historischen Moments zu werden. Nach 44 Jahren greifen die hochgelobten Ballkünstler endlich mal wieder nach einem Titel. Die Laune ist bestens, der Geräuschpegel hoch. Die Reihen Bierbänke sind gut gefüllt vor den diversen Leinwänden und Fernsehern drinnen und draußen. Mit dabei sind Stephan und Silvia, er Deutscher, sie hier geborene Spanierin. Die Tipps vor dem Spiel fallen denn auch unterschiedlich aus. 3:2 stehen gegen ein 1:2. Trotz eines deutschen Trikots sind natürlich Handgreiflichkeiten nicht zu befürchten, höchstens ein paar nett gemeinte Frotzeleien der vielen Freunde. Die meisten haben sich mit Trikots, rot-gelben Fahnen und Tröten eingedeckt. Sogar mehrere Bombos, die großen Trommeln, sind vertreten.

Zur Einstimmung wird gesungen mit viel „Olés“ und dass Deutschland den Pokal nicht kriegen wird: „¡La Eurocopa, Alemania no lo toca!“. Dagegen kommen Netzer und Delling nicht an, das interessiert hier jetzt keinen. Ohrenbetäubend die Anfeuerungsrufe, als die eigene Mannschaft vorgestellt wird. Bei der Nationalhymne wird heftig mitgesungen, wenn auch kein Text verfügbar ist. Stattdessen wird mitge-oht. Als das Deutschlandlied ertönt und ein paar schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt werden, wird das eher erheitert aufgenommen, am Schluss wird geklatscht. Die Loyalitäten sind klar, werden aber eher sportlich gesehen. Beim Anpfiff ist der Laden zum Brechen voll, die Zuschauer sitzen auf dem Boden oder sichern sich stehend einen Blick auf das Spiel.

Das verhaltene Spiel der eigenen Mannschaft am Anfang, die Fehler und ersten deutschen Vorstöße in den gegnerischen Strafraum werden mit Schweigen aufgenommen, Aktionen des Torwarts frenetisch bejubelt. Bei den ersten eigenen Chancen springen alle auf, ein kollektives Raunen geht durch die Reihen, die dann in Gesänge übergehen. Wie im Stadion üblich werden bei Frei- oder Eckstößen mit rhythmischen Klatschen Spannung aufgebaut. Die spanischen Fans lassen ihren Emotionen freien Lauf, das ist klar.

Beim ersten Tor gibt es dann kein Halten mehr. Alle springen auf. Jetzt ist die Stimmung am Siedepunkt. „Ess-Pann-Jaa! Ess-Pann-Jaa!“ Jetzt kommen auch die aus der Flamenco-Musik stammenden Klatschkünste zum Einsatz und jede Aktionen des eigenen Team mit dem vom Stierkampf bekannten „¡Olé“! begleitet. Beliebt auch der Gesang „Á por ellos, oleee!“ – frei übersetzt etwa „Holt sie euch!“. Beim Pausenpfiff ist der Jubel so groß wie der Bedarf an Frischluft – alle strömen ins Freie. Der Bürgersteig wird zur roten Fanmeile und es werden gestenreich einzelne Spielsituationen diskutiert. Man ist sich einig: jetzt ist alles drin. Die Nervosität steigt ins unermessliche.

Die Drangphase der deutschen Mannschaft in der zweiten Hälfte kann natürlich nicht begeistern, umstrittene Entscheidung des Schiedsrichters werden eindeutig kommentiert. Die Helden des Spiels sind Torwart Casillas und Torschütze Torres. Als Mario Gomez kurz eingewechselt wird, wird deutlich, dass der gebürtige Spanier in dieser Situation nicht sehr viele Sympathien genießt. Die letzten Minuten sind ein einziges Anfeuern. Niemanden hält es mehr auf den Sitzen, gelbe Karten gegen die deutsche Mannschaft werden gefeiert, kollektive Schmähungen erfüllen den Raum. Der Jubel nach dem Anpfiff ist ohrenbetäubend ein kollektiver Taumel und Freudenrausch. Alle springen auf und ab.

„Es war ein fantastisches Spiel, wir haben verdient gewonnen,“ sagt David Blanco. Der Abend wird für die spanischen Fans mit einem kleinen Autokorso enden und in einem Club am Hans-im-Glück-Brunnen. Die spanische Nacht kann beginnen …