Katalonien – Nation ohne Staat?

von Dirk Baranek am 14. Juli 2008

Am Wochenende hatte die Partei Convergència Democràtica de Catalunya (CDC) ihren Parteitag. Die CDC ist der mit Abstand größte Teil des Bündnisses Convergéncia i Unió, dem noch die Partei UDC angehört.

Um sich die poltische Bedeutung der CDC, die getrost als die führende Organisation des politischen Katalanismus bezeichnet werden kann, klar zu machen, hier zunächst mal ein paar Fakten.

Groß wurde die Partei durch den langjährigen Vorsitzenden Jordi Pujol, der  zwanzig Jahre Präsident von Katalonien und nach dem Ende der Franco-Diktatur die entscheidende Figur war, um aus dem Land das zu machen, was es heute ist.  Dem entsprechend waren auch die Wahlergebnisse für die CDC bzw CiU, die in Katalonien immer über 40 Prozent lagen und der Partei auch bei den nationalen spanischen Wahlen eine starke Fraktion im Madrider Parlament einbrachte. Dort hat man stets die Mehrheitsfraktion punktuell unterstützt (oder sich enthalten).

Das änderte sich unter Pujols Nachfolgern. Fast ein Drittel der Wähler hat der CiU inzwischen den Rücken gekehrt. Ganz schlimm kam es nach den Regionalwahlen 2003 als man gerade mal 30 Prozent erhielt und infolgedessen sogar aus der Regierung flog. Zurzeit wird Katalonien vom so genannten Tripartito regiert – einer etwa fragilen Dreierkoaltion aus PSOE-Sozialisten, den linken Natioanlisten der ERC und einem Bündnis aus Grünen und Kommunisten (ICV-EUA).

Zwischenfazit: Die CDC ist heute eine Partei mit großen Überzeugungen und wenig Macht.

Dieser Umstand führt manchmal bei politischen Organisationen zu einer gewisssen ideologischen Verhärtung. Nicht anders bei der CDC.  Nur mit Mühe gelang es dem wiedergewählten Vorsitzenden Artur Más die Radikalen an den Rand abzudrängen. Auf deren Agenda steht die Abspaltung Kataloniens von Spanien inzwischen ganz oben. Ganz so weit will Más nicht gehen, aber was macht ein letzendlich bürgerlich-liberaler Nationalist, der keinen Staat hat? Ein Bekenntnis zu einem multipolaren Spanien kommt nicht in Frage, das ist nicht Teil des Katalanismus. Er beruft sich eben auf die Nation ohne Staat. Und das recht kräftig.

Wie alle Nationalisten werden dabei angeblich parteiübergreifende Werte bemüht und der Rechts-Links-Konflikt als zerstörerisch gebrandmarkt. Stattdessen bot Más in seiner Abschlussrede den Begriff der Casa Grande del Catalanismo,  des großen Hauses der Katalanismus, in dem alle friedlich und zukunftsorientiert zusammenleben sollen.

Zitat Más: Quizás es verdad que tenemos menos Estado pero no es cierto que seamos menos nación. –  Vielleicht ist es die Wahrheit, dass wir weniger Staat haben, aber es ist nicht korrekt, das wir weniger Nation sind.

Ob dieser politische Ansatz wirklich bei den Wähler verfängt, darf bezweifelt werden. Zuletzt ist die Zahl der Wähler, die sich vom bürgerlichen Katalanismus vertreten lassen wollen, weiter gesunken. Waren es in den 80ern schon mal 1,3 Millionen, haben im März 2008 gerade mal 770.000 ihr Kreuzchen bei der CiU gemacht.

Irgendwie scheinen alle etwas müde von den ständigen Petitessen der Nationalisten in Bezug auf Sprache, Bildung und Kultur. Offenbar reichen vielen die erlangten Autonomierechte in der Innen- und Wirtschaftspolitik. Die ganze Diskussion um Nation und Staat – die nervt viele nur noch. Ja, Kulturnation ist man in Katalonien gerne, und Staat, was soll’s, da ist man eben Spanien.

Quelle: La Vanguardia,
Wikipedia: CiU Wahlergebnisse

{ 6 comments }

Erik in Vilanova 07.15.08 at 00:08

„Die ganze Diskussion um Nation und Staat – die nervt viele nur noch. “

Die nervt zwar viele Leute aber vor allem Spanier die ausser Katalonien leben.

Unter den katalonischen Politikern gab es eine enorme Majorität für ein „Estatut“ die Katalonien „Nation“ nannte, aber diese Diskussion um Nation und Staat nervte Madrid so viel dass mann verlang den Text verändert zu werden.

LIBERTAD 07.15.08 at 05:53

Hallo Dirk,

leider kann ich Deine Sicht der Dinge nicht teilen.
CIU hat weniger Wähler. Richtig. Aber mit Ausnahme der „Ciudadanos“ (die keine Rolle spielt) gibt es keine Partei die ohne Dorf-Patriotismus auskommt.
Und deshalb gibt es in Katlonien nur rechte und ultrarechte Parteien, die alle mehr oder weniger vom Nationalismus labbern (schöner Wort für Deine täglichen Übersetzungen).
Warum gibt es keine liberale weltoffene Partei? Oder kennst Du eine?

Liebe Grüße Michael

Dirk Baranek 07.15.08 at 09:13

@Erik
Sicher, gegen das neue Estatut sind nur wenige. Aber ist es denn nicht so, dass der organisierte Katalanismus eben noch mehr viel, sich mit der neuen Verfassung nicht zufireden geben will? Ich glaube, das nervt die Mehrheit, dass einfach keine Ruhe einkehrt, obwohl schon so viel erreiht wurde.

@Libertad
Ehrlich gesagt verstehe ich die Frage nicht recht. „Nur rechte Parteien“ – naja, die Parteien, die Katalonien im Moment regieren, kann man wohl nicht als rechts beteichnen.

Man muss glaube ich generell verstehen, dass die Regionen versuchen, den Begriff der Kulturnation zu operationaliseren, um materielle Interessen durchzusetzen. Diese Konflikte – Stichwort Länderfinanzausgleuch – gibt es überall. Nur kommt in Deutschland eben keiner auf Idee, sagen wir mal, einen Staat Bayern mit einer eigenen Sprache zu fordern, nur weil keiner mehr Lust hat, die Schulden des Saarlands zu bezahlen.

Meines Erachtens sind das alles Altlasten, die noch immer die Repression der Franco-Jahre nach sich ziehen …

Erik in Vilanova 07.15.08 at 15:11

Falls es nur so wäre. Die Wahrheit ist ja dass die neue Katalanische Verfassung in dem Verfassungsgericht blockiert ist und dass es bisher nicht klar ist ob es akzeptiert wird.

Und erinnern wir uns dass die „Attacken“ nicht nur von den ‚Nationalisten‘ kommen. Das Manifest für die Spanische Sprache (Manifiesto por la lengua común), zum Beispiel, kommt aus Madrid und stellt in Frage eine Sprachpolitik die ja mehr als ein Dezennium existiert hat und worüber beinahe alle katalanische Parteien einig sind.

//Erik

Hartmannfranz 10.10.08 at 14:03

ich bin vom 13.-19.10. in Barcelona. was gibt es politisches zu sehen und zu hören? Danke Franz

Dirk Baranek 10.10.08 at 18:28

Hallo Franz,
hmm, verstehe die Frage nicht so ganz…
Geht es um Demos oder Parlamentsbauten? Oder neue Museen? Bei letzterem wäre vielleicht der Montjuic in Barcelona interessant …
http://www.espanien.de/blog/2008/06/15/barcelona-feiert-ruckgabe-der-festung-auf-dem-montjuic/

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