Rajoy zur Aufklärung über Bürgerkriegsopfer: Besser alles vergessen

von Dirk Baranek am 14. September 2008

Der Vorsitzende der konservativen Volkspartei PP, Mariano Rajoy, hat sich in einem Interview zu der aktuellen Diskussion geäußert, die sterblichen Überreste von Federico García Lorca nach über 70 Jahren aus einem Massengrab zu exhumieren. In dem in der andalusischen Tageszeitung Ideal erschienen Gesprächsauszug äußerte er sich kritisch über diese Ankündigung. Hier der Wortlaut der Frage und der bezeichnenden Antwort

-Se ha presentado una reclamación en la Audiencia Nacional para que abran la fosa donde se supone que está enterrado Federico García Lorca, ¿es partidario?

-Soy muy poco partidario de reabrir heridas del pasado. Uno de los grandes logros de la Constitución del 78 no es su texto, que también, es el espíritu. Era el espíritu de mirar hacia el futuro y olvidarnos de 200 años de problemas en España. Ningún presidente del Gobierno, y los hubo de todos los colores, abrió este debate. Me parece peligroso y arriesgado. 

Es wurde bei der Nationalen Staatsanwaltschaft eine Anzeige erstattet, damit man das Grab öffnet, von dem man annimmt,  Federico García Lorca sei dort bestattet. Unterstützen Sie das?

Ich bin nur ein sehr kleiner Anhänger davon, die Wunden der Vergangenheit wieder zu öffnen. Eine der großen Errungenschaften der Verfassung von 1978 ist nicht nur deren Text, sondern auch deren Geist. Es war der Geist, in die Zukunft zu schauen und uns 200 Jahre alte Probleme in Spanien vergessen zu lassen. Kein Regierungschef, egal welcher Farbe, hat diese Debatte angefangen. Sie erscheint mir gefährlich und riskant.

Fazit?

Es ist offensichtlich: Die Konservativen können sich nicht von ihren Gespenstern befreien und sich endgültig von ihrem franquistischen Erbe distanzieren. Die Furcht, als Verlierer der Geschichte zu gelten, sitzt tief. Allerdings ist es naiv zu glauben, dass die junge spanische Gesellschaft einfach vergessen wird, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschehen ist und warum. Stattdessen scheint es doch dringend erforderlich, sich diese Geschichte mit ihren faschistischen Gräueln und stalinistischen Exzessen unter demokratischen Vorzeichen anzueignen. Darum werden auch die Konservativen nicht herumkommen, es sei denn, sie wollten vollständig an Glaubwürdigkeit einbüßen. Niemand wird einer Partei demokratische Grundüberzeugungen abnehmen, die ein solches Geschichtsbild fordert.

Dass der größte spanische Dichter des 20. Jahrhunderts noch immer kein angemessenes Grab hat, ist eigentlich ein unglaublicher Skandal. Viele Spanier scheinen in diesen Tagen zu begreifen, dass die letzten 30 Jahre in Bezug auf die Verarbeitung des das Land nach wie vor spaltenden Bürgerkriegs verlorene Zeit waren. Das muss nun eine neue Generation von Politikern und Juristen nachholen, allerdings unter aktuellen Vorzeichen.

Die mögen Rajoy nicht passen, aber seine Vorstellungen sind angesichts der Prozesse gegen die Täter des Jugoslawienkriegs, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen, nicht aktzeptabel. Oder ist es doch am Ende die Angst, die ihn umtreibt, dass als Ergebnis dieser historischen Verarbeitung die Feststellung stände, dass die alten franquistischen Eliten ihre Schäfchen in die neue Zeit hinüberretten konnten? Macht, Vermögen, Einfluss behalten haben, während die Familien der Opfer der Diktatur nichts in den Händen haben?