Die Scheiße mit dem Natonalfeiertag

von Dirk Baranek am 11. Oktober 2008

Nicht abgeschaltete Mikrofone sind ja ein Albtraum für Politiker. Da denkt man, man könne mal frei von der Leber weg sprechen und es so sagen, wie einem der Schnabel wirklich gewachsen ist und vor allem das, was man wirklich denkt, und schon erfährt das die ganze Welt. Peinlich, vor allem dann, wenn man was so gar nicht politisch korrektes rausgelassen hat, was man natürlich öffentlich nie so sagen würde.

Ein Opfer dieser Verquickung von zur Schau getragener Sauberkeit, die im Privaten offenbar nicht gilt, ist nun der konservative Oppositionsführer Mariano Rajoy geworden. Bei einer Veranstaltung im galicischen La Coruña unterhielt er sich auf dem Podium mit einem Kollegen und dachte, niemand bekommt es mit. Tatsächlich waren die Mikrofone aktiv. Die Presse hörte also zu und staunte nicht schlecht. Laut einem Bericht in El País (mit Tondokument) sagte Rajoy nämlich Folgendes: Mañana tengo el coñazo del desfile. En fin, un plan apasionante. Lässt sich etwa so übersetzen: Morgen habe ich die Nerverei mit der Parade. Ein äußerst spannender Plan.

Klingt erstmal harmlos, ist es aber nicht. Denn coñazo ist schon sehr derb und mit „Nerverei“ zu harmlos übersetzt. Eigentlich ist es nämlich eine „Fotzerei“, man verzeihe die Wortwahl, aber so ist es. Sicher, im Spanischen gehts manchmal etwas obszöner zur Sache, als im Deutschen. Bekanntlich sind die romanischen Völker beim Fluchen eher sexuell orientiert, die germanischen eher exkrementär. Auf Deutsch hätte man also etwa gesagt: Diese Scheiße mit der Parade.

Das politische Problem, das sich aus der Flapsigkeit ergibt,  ist offenbar die negative Einstellung von Rajoy gegenüber der Parade, auf die er keinen Bock hat. Handelt es sich doch um nichts geringeres als den morgen stattfindenden Nationalfeiertag inklusive pompöser Militärparade vor der versammelten Staatsspitze (Königshaus, Kabinett, Oberste Richter, Regionalchefs, Parteivorsitzende etc. pp.). Eigentlich ein Tag also für ein Hochfest der in nationale Symbole verliebten Konservativen. Und diese Feier findet Rajoy nun also eigentlich nervig, stellen die Spanier erstaunt fest. Weit gefehlt, denn Rajoy beeilte sich, die Scharte mit einer offiziellen Presserklärung auszuwetzen. Darin heißt es dann unter anderem

Al parecer, una expresión coloquial propia de una conversación de ámbito privado ha transcendido de ese ámbito privado al público. […] Para despejar cualquier duda o mala interpretación, quiero reiterar mi postura ya conocida de máximo respeto, afecto y apoyo a nuestras Fuerzas Armadas, así como a la celebración de la Fiesta Nacional.

Scheinbar ist ein umgangsprachlicher Ausdruck aus einer privaten Unterhaltung aus diesem privaten Bereich in die Öffentlichkeit gelangt. Um irgendwelche Zweifel oder falschen Interpretationen auszuräumen, möchte ich hiermit meine bereits bekannte Haltung des höchsten Respektes, der Sympathie und der Unterstützung für die Streitkräfte und ebenso für die Feierlichkeiten des Nationalfeiertages wiederholen.

Trotzdem bleibts dabei: Rajoy scheint wenig Lust zu haben, sich morgen in Madrid öffentlich die Beine in den Bauch zu stehen. Dieser Eindruck schmerzt umso mehr, als die Konservativen im letzten Jahr diese Feiern zu einer öffentlichen Demonstration gegen die amtierende linke Regierung gemacht hatten, inklusive Pfeifkonzert für Zapatero. Unvermutet offene Mikros sind eben eine echte Pest.

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Markus Trapp 10.11.08 at 17:11

Hab’s gerade in den spanischen Nachrichten gesehen. Sehr peinlich, gerade für einen PP-Vorsitzenden. Kein Wunder, dass das nun kräftig und genüsslich von den politischen Gegnern ausgeschlachtet wird.

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