Spanische Blogosphäre tobt und organisiert sich gegen neue Kulturministerin

von Dirk Baranek am 12. April 2009

Die spanische Blogosphäre tobt. Seit Jahren kämpft sie gegen den cánon digital, eine Zwangsabgabe auf elektronische Geräte, mit dem die Inhaber von Urheberrechten für die illegalen Downloads entschädigt werden sollen, die im spanischen Internet sehr verbreitet sind. Ähnliches ist in Deutschland im Rahmen der Novelle des Urheberrechts bereits umgesetzt. Sagen wir es mal so: die spanischen internautas profitieren im Moment von einer recht laxen Rechtssprechung, und die Einsicht in die Notwendigkeit, dass Musiker, Filmemacher und Autoren auch von irgendwas leben müssen, ist nicht sehr verbreitet.

Deshalb wird die Ernennung von Ángeles González-Sinde zur neuen Kulturministerin als Provokation empfunden. Denn die Hauptfeinde der spanischen Blogosphäre beim Kampf um die kostenlose Privatkopie sind die Verbände, in denen sich Künstler und Medienproduzenten zusammengeschlossen haben, um ihre Rechte geltend zu machen. Da ist zum einen die SGAE (Sociedad General de Autores y Editores), die ähnlich der deutschen VG Wort Schriftsteller und Verlage organisiert und in den letzten Jahren gegen die Webpiraten Sturm gelaufen ist.

Sehr aktive und streitbare Lobbygruppen sind auch die Filmemacher mit ihren Verbänden ICAA (Instituto de la Cinematografía y de las Artes Audiovisuales) und FAPAE (Federación de Asociaciones de Productores Audiovisuales). Die spanische Filmwirtschaft, von allen Regierungen als internationales Aushängeschild spanischer Kultur verstanden, wurde in den letzten Jahren extrem subventioniert. Kritiker meinen, das Vergabesystem sei so undurchsichtig wie die Ergebnisse enttäuschend. Kurzum: Die Filmwirtschaft hat zu kämpfen und hat sich ausgerechnet die Webnutzer ausgesucht, um die schrumpfenden Zuschauerzahlen in den Kinos zu begründen.

Problem für die Blogosphäre ist Sinde deshalb, weil sie ausgerechnet als Leiterin der Filmakademie aus der verhassten Zelluloidwirtschaft kommt und sich in den letzten Monaten nicht zurückgehalten hat, das Nutzungsverhalten der internautas massiv zu kritisieren.

Tenemos que seguir peleando para que las descargas ilegales no nos hagan desaparecer, para que nuestros administradores comprendan que en el negocio de la Red no pueden ganar sólo las operadoras de ADSL, mientras quienes proporcionamos los contenidos, perdemos.

Wir müssen weiter dafür kämpfen, dass die ilegalen Downloads uns nicht verschwinden lassen, dass unsere Administratoren verstehen, dass beim Geschäft im Netz nicht nur die Breibandunternehmen gewinnen dürfen, während wir als diejenigen verlieren, die die Inhalte beisteuern.

sidepirateUnd eine solche Unperson, die all die heiligen Rechte des armen P2P-Nutzers mit Füßen tritt, die soll jetzt Kulturministerin sein? Die spanische Blogosphäre tobt – und organisiert sich. Sofort wurde eine Protestgruppe bei Facebook gestartet, die aktuell über 15.000 Mitglieder hat. Genüsslich werden in den einschlägigen Blogs die allesamt ziemlich verunglückten Fime von Sinde, die auch als Drehbuchautorin arbeitet, nochmals in Grund und Boden verrissen. Bannerkampagnen durchziehen die Blogs, wie zum Beispiel der hier, der auch Avatar des Twitterkanals sindepirate ist.

Inzwischen ist die konservative Presse auf den Zug aufgesprungen und sieht in der Ernennung der attraktiven Filmschaffenden den Verdacht bestätigt, dass die Filmindustrie, die schon bei diversen Wahlen ganz klar die Sozialisten unterstützt hat, mit Subventionen für politisches Wohlverhalten belohnt werden soll. Vielleicht hat Regierungschef Zapatero allein deshalb Sinde ausgesucht, weil er ihr die Kompetenz zutraut, das vertrackte Subventionssystem zu reformieren. Die Verhandlungen mit den Filmverbänden laufen.

Quellen:
EXGAE – Organisation der Gegner des cánon digital
El confidencial, El Público, Libertad Digital, Telecinco,